Schattenkalifin
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Die wahre Herrscherin von Kairo
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Die Schattenkalifin

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(Droemer-Knaur, München, Juli 2007 und Oktober 2008; Weltbild, Augsburg, August 2008)

Ein goldenes Zeitalter ging mit dem Tod des Kalifen Al Aziz jäh zu Ende. Über Ägypten und das weite Reich der Fatimiden legten sich drohend dunkle Schatten. Wo die Menschen eben noch in Offenheit und Toleranz unbeschwert ihren Geschäften nachgegangen waren und ihre Feste gefeiert hatten, da griffen plötzlich Eiferei und Willkür nach der Macht."
Aber noch schien nicht alles verloren. Denn eine junge Frau war entschlossen, das Kalifat zu schützen

*

1. Im Kloster des Zwergen

Es war die Nacht zum vierten Tag nach dem Fest des Fastenbrechens des Jahres 386 der Hedschra, die Nacht vom 17. Oktober 996 nach der Geburt des Herrn der Christenheit.

*

Irrlichternd tanzte der Fackelschein über das Gewölbe des Wasserkanals. Die beiden jungen Frauen, die auf einem schmalen Mauersims den Wasserlauf entlang eilten, waren in schwarze Sklavinnenkleider gehüllt. Doch Haartracht und Schmuck, insbesondere der Älteren der beiden, verrieten Reichtum und hohen Rang. Das flackernde Licht der Fackel in der Hand der Jüngeren, die biegsam wie eine Gazelle voranschritt, verstärkte die Zeichen der Aufregung in den Gesichtern der beiden Frauen.

Im ovalen Antlitz der Älteren schienen sich die kräftigen Brauen wie die Flügel eines Vogels in die Lüfte zu schwingen. Das Schattenspiel auf ihren hohen Wangenknochen offenbarte die nervösen Bewegungen der Kiefer. Im Gegensatz dazu bewegten sich ihre vollen, wie von einer Gravurnadel gezeichneten Lippen nicht. Den Blick hielt sie auf das Steinpflaster und auf die Füße der Gefährtin vor ihr geheftet, die flink und doch bedacht Schritt um Schritt setzte.

Die Beduinin Takarrub, Vertraute und Dienerin der Kalifentochter, hatte den Fluchtweg am Vortag zusammen mit dem Eunuchen Midad erkundet. Deshalb konnte sie ihrer Herrin jetzt eine so sichere Führerin sein. Hie und da war ein absonderliches Piepsen zu hören, wie es die Prinzessin noch nie vernommen hatte, und einmal stieß sie einen unterdrückten Schrei aus: Mit einem Fuß war sie an etwas Warmes, Feuchtes gestoßen, das sich beim genaueren Hinsehen als dunkelgraues, langschwänziges Tier entpuppte. Ein Stück lief das Tier noch an der Simskante entlang, um dann ins Kanalbett zu entwischen.

*

Nach etwa dreihundert Schritten standen die Flüchtenden vor einem eisernen Gitter. Takarrub tastete das Gewölbe ab und fingerte nach bangen Augenblicken einen Schlüssel aus einer Höhlung in der Wand. Sie sperrte das Gitter auf. Beim Hinaustreten ins Freie empfing die beiden dichter Nebel, der von den zwei nahen Wasserläufen, dem großen Kanal und dem Nil, heraufstieg. Die Prinzessin sog die feuchte Luft jäh durch die Nase ein, um sie dann langsam entweichen zu lassen. Es war ihr gelungen, die Verräter zu überlisten. Trotz der Wachmannschaften vor allen Ausgängen ihres Schlosses hatte sie einen Ausweg gefunden – durch jenen Kanal, der den Brunnen und das Wasserbecken in ihrem Iwan, dem Zeremoniensaal, speiste. Allerdings lag die gefährlichste Etappe ihrer Flucht, der Weg aus der Zitadellenstadt der Kalifen von Al Kahira, noch vor ihnen.

Takarrub versperrte das Gitter hinter ihnen und stieß den Schlüssel, dessen Platz in der Mauer sie nicht auf Anhieb wiederfinden konnte, nach drinnen zurück. Sie hörten, wie er über den Mauersims rutschte und klatschend ins Wasser fiel.

»Wenn sie ihn nicht mehr finden, dann machen sie eben einen neuen!«, flüsterte sie der Schlossherrin zu.

Die klamme Kälte der Herbstnacht kam ihnen als Vorwand gerade zurecht, um die Gesichter mit den schwarzen Tüchern bis auf Sehschlitze zu verhüllen. Als wären sie zwei Sklavinnen auf dem Weg zum frühen Tagewerk, huschten die Prinzessin und ihre Vertraute zu den Palastküchen, wo sie, so alles nach Plan lief, bereits von Helfern erwartet wurden.

*

Wer hätte noch vor kurzem gedacht, dass die mächtige Tochter des Kalifen Al Aziz sich eines Tages auf solch eine Weise aus ihrem eigenen Palast würde stehlen müssen? In voller Absicht hatte der Kalif seiner Lieblingstocher Sitt Al Mulk den Thronfolgerpalast, auch »das Wasserschloss« genannt, als Residenz überlassen. Das ganze Land wusste, dass die Prinzessin dazu bestimmt war, dereinst die Regierungsgeschäfte zu führen.

Für Sitt Al Mulk hatte es zeit ihres Lebens nur diese einzige Vorstellung ihrer Zukunft gegeben: ›Sitt Al Mulk‹ – ›Herrin des Reiches‹ – hatte der blutjunge Vater sein erstgeborenes Töchterchen gleich nach der Geburt genannt. Wie durch einen unerklärlichen Zauber war er dem kleinen Geschöpf vom ersten Augenblick an in tiefer Zuneigung gewogen gewesen. Höchstpersönlich hatte er sie mit großer Sorgfalt auf die Regierung hin erzogen, und seit den frühen Mädchentagen hatte sie bei allen offiziellen Anlässen an seiner Seite gestanden. Nach dem Tod seines eigenen Mentors, des Juden und unvergleichlichen Wesirs Yakub Ibn Killis, war sie seine engste Vertraute und Beraterin geworden. So groß war der Einfluss der Prinzessin Sitt Al Mulk, dass sogar Wesire, die beim Kalifen angeschwärzt worden waren, ihrer Fürsprache Ehre und Leben verdankten.

Sitt Al Mulk war das Kind einer Liebesverbindung des Herrschers über die gläubigen Muslime mit einer christlichen Prinzessin aus byzantinischem Geschlecht. Sie war aufgewachsen mit den heiligen Schriften der Muslime und Christen, und sie hatte gelernt, in allen Religionen das Gute zu sehen. Ihrem über alles geliebten Vater war sie seit dem Tod des jüdischen Wesirs die wichtigste Stütze in seiner weisen Politik gewesen, das ruhige Zusammenleben der verwirrend vielen Religionsgruppen Ägyptens zu schützen.

Denn es war nicht etwa einfach so, dass sich das Volk des Niltales allein auf Christentum, Islam und Judentum verteilte. Auch innerhalb der Gemeinden gab es unterschiedliche Gruppen. Die Mehrheit der Bevölkerung waren Christen, die zu einem Großteil zu den alteingesessenen Kopten zählten und zu einem kleineren zu den Melkiten, die ein wenig andere Glaubenssätze vertraten und dem Kaiser von Byzanz in tiefer Treue ergeben waren. Bei den Muslimen wiederum bestand die Mehrheit aus Anhängern der Sunna und eine Minderheit aus Anhängern des ismailitischen Zweiges der Schia. Dies war die kleinste aller Gruppen, zugleich aber auch die mächtigste, denn ihr gehörten die Kalifenfamilie der Söhne Fatimas und ein großer Teil des Hofstaates an.

In solch kaum überschaubaren Verhältnissen bedurfte es der Hochachtung aller und höchster Besonnenheit, um friedlich und »ohne Zwang in der Religion«, so wie der Islam es für sein Kalifat vorschrieb, die Regierung zu führen. All dies gelang Al Aziz, und daher liebte und verehrte ihn sein Volk.

*

Doch plötzlich war alles anders geworden. Drei Tage zuvor war der Kalif im Heerlager von Bilbais gestorben. Die Todesnachricht erreichte die Prinzessin in der Hauptstadt Al Kahira, wo sie für die Zeit der Kriegsvorbereitungen das Kalifat vertrat, während der Wesir, der Christ Aissa Ibn Nesturus, die täglichen Regierungsgeschäfte führte.

Die Abordnung mit der Nachricht aus Bilbais hatte Sitt Al Mulks Gemächer soeben verlassen, und ihre Seele rang noch damit, das Gehörte aufzunehmen, als ihr bester Agent, Abul Abbas Ahmed Ibn Maghribi, bei ihr Vortritt begehrte. Während sich das Wehklagen der Frauen vom Wasserschloss auf die ganze Palaststadt fortpflanzte, berichtete ihr der Spion, dass sich in Bilbais drei mächtige Höflinge zu einem Komplott verbündet hatten, dessen erstes Ziel es war, die Kalifentochter zu entmachten. Als Nächstes war ausgemacht, dass die »allzu nachgiebige«, wie die Verschwörer es nannten, auf Ausgleich zwischen den Religionen gerichtete Politik des verstorbenen Herrschers einem Kalifat der Strenggläubigkeit weichen sollte. Wie ihr Vater hatte auch Sitt schon des Längeren gewusst, dass es unter den Muslimen Unzufriedene und Eiferer gab, die den Christen und Juden ihre Stellung nicht gönnen wollten.

Noch während Sitt Al Mulk sich den Bericht Abul Abbas’ anhörte, fing sie sich in ihrer Bestürzung und in ihrem Leid: Sie musste zum Gegenangriff übergehen. In dem Augenblick, als das Komplott offen vor ihr lag, hatte ihr Verstand mit der Schnelligkeit eines Jagdfalken eine verwegene Idee aufgegriffen. Doch um den Plan verwirklichen zu können, musste sie sich dem Zugriff ihrer Gegner in der Hauptstadt entziehen. Und sie brauchte Soldaten. Es war der einzig mögliche Rettungsplan, doch sein Gelingen würde an einem dünnen Faden hängen. Sitt bat den Prinzen Nour Ibn Abdallah zu sich, der ihr Cousin und engster Freund war. Doch nicht nur das: Mit Nour wollte sie die Nachfolge des Vaters antreten und das mächtige Fatimidenreich regieren. Und Nour war der Mann, den sie liebte.

Nach kurzer Beratung erklärte der Prinz sich bereit, persönlich ins Heerlager von Bilbais zu reiten, um dort die Unterstützung eines Freundes, des türkischen Generals Ulug Tegin, und seiner Mameluken-Truppen anzufordern. Um kein Aufsehen zu erregen, wollte er allein durch die Wüste reiten, auf jenen Beduinenpfaden, die er von der Jagd gut kannte, und die große Heerstraße somit umgehen.

Kaum hatte Prinz Nour Sitts Palast verlassen, als bereits schwer bewaffnete Wachmannschaften vor den Pforten aufzogen, zweifellos auf Befehl der Verschwörer. Tags darauf setzte die Intrigantenclique den spätgeborenen Sohn des verstorbenen Herrschers, den erst elfjährigen Knaben Mansur, gegen jedes Gesetz in einem Akt beispielloser Willkür als neuen Herrscher auf den Kalifenthron.

Einen kleinen Jungen, der ständig in den Bäumen der Palastgärten herumkletterte, weshalb alle ihn nur den »Gecko« nannten. Sie selbst rissen die Regentschaft für den Knaben an sich.

*

Somit war der Thronfolgerpalast für die Prinzessin Sitt Al Mulk zur Falle geworden. Sie sah sich gezwungen, ihn zu nächtlicher Stunde mit ihrer Gefährtin und vertrauten Dienerin Takarrub auf geheimem Wege zu verlassen. Keiner, der sie jetzt sah, hätte vermutet, dass die durch den Nebel eilenden, vermummten Frauen etwas anderes wären als zwei Küchensklavinnen.

Beim Küchentrakt angelangt, nahmen sie den sicheren Weg durch die Vorratskammern und schlichen, immer vorsichtig Ausschau haltend, von einem mit Öllichtern schwach erhellten Raum in den nächsten, vorbei an Bergen von Gemüse und Obst, großen Tongefäßen mit eingelegtem Gemüse, Oliven und Käse und offenen Gewürzsäcken, aus denen es betäubend duftete. Die Helfer hatten gute Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass sie keinem Aufpasser begegnen noch einen irgendwo zwischen Amphoren zusammengerollt schlafenden Sklaven wecken konnten. Schließlich gelangten sie zwischen Reihen übereinandergetürmter Käfige voller Tauben und Hühner in einen hallenartigen, offenen Vorraum. Im fahlen Schein von Laternen waren vier Männer gerade dabei, ein Gefährt, dem zwei Esel vorgespannt waren, mit leeren Hühnerkäfigen zu beladen.

Es war die Zeit der großen Festlichkeiten nach dem Ende des Ramadan-Fastens. Da die Verschwörerbande die vielen tausend Soldaten, die in den Kasernen innerhalb der Befestigungsmauern der Stadt untergebracht waren, bei Laune halten musste, bewegten sich jetzt täglich frühmorgens lange Züge von Karren mit Extrarationen durch die Straßen der Hauptstadt. Ein Wagen voller Hühnerkäfige würde daher nicht auffallen.

Der Anführer nickte Takarrub kurz zu. Die Vertraute der Prinzessin raffte ihre Kleider und kletterte, nachdem sie die Herrin mit einem Blick um den Vortritt gebeten hatte, flink auf die Plattform.

Die Männer hatten beim Beladen einen Hohlraum ausgespart. In diesen kroch Takarrub rücklings hinein, bis nur noch ihr Kopf und eine Hand zu sehen waren, die sie Sitt Al Mulk entgegenstreckte: »Kommt, ya Amira, hier ist Platz genug für zwei!«

Sitt ergriff die Hand und ließ sich von einem der Männer hinaufhelfen. Nachdem auch sie in dem Versteck verschwunden war, fügten die Männer einige schützende Bretter und weitere Käfigreihen hinzu. Wenig später spürten Sitt und Takarrub, wie die Esel anzogen und das Gefährt losrollte.

Sitt konnte nichts sehen, doch ertastete sie zu beiden Seiten Holzwände, die schützend zwischen ihnen und den Käfigen aufgebaut waren. Takarrub half ihr dabei, sich in dem engen Raum eine Decke über Schultern und Kopf zu ziehen. Bald wurde es stickig in dem Verschlag, und der Gestank aus den Käfigen war kaum zu ertragen.

Mit dem Stoff ihres Gewandes versuchten die beiden Frauen, so gut es ging, Mund und Nase zu schützen. Um die üble Luft nicht in den Mund zu bekommen, vermieden sie es zudem, miteinander zu sprechen.

Sie waren noch nicht lange unterwegs, als der Karren rumpelnd zum Stehen kam. Dumpf klangen Geschimpfe und Eselsgeschrei zu ihnen herein. Wie es den Anschein hatte, stauten sich mehrere Gefährte. Ein Geschiebe und Gestoße setzte ein, und die Stimmen draußen steigerten sich zu lautem Streit. Sitt begann, um die Festigkeit des Käfigaufbaues zu fürchten, dessen Innenwände sich bedenklich verschoben.

Takarrub fing leise an, die Hilfe des Allerhöchsten zu beschwören:

»Sobhan Allah – Erhaben ist Gott!«

Während ihr die Floskeln über die Lippen liefen, wie die Perlen des Tasbih durch die Finger eines Betenden, fielen Sitt die Wachabordnungen ein, die in den Straßen der Palaststadt ohne Unterlass patrouillierten: Wenn der Aufbau nur hielt! Brach er auseinander, so würden sie in der unweigerlich folgenden Aufregung keine Chance haben, unentdeckt zu bleiben.

Nach endlos scheinendem Stillstand zog der Wagen endlich wieder an. Eine Weile kamen sie gut voran, doch dann hielten sie erneut.

»Wir sind beim Tor!«, hörten sie einen der Männer draußen sagen.

Offenbar war der Karrenverkehr bei der Engstelle des mächtigen Bab El Futuh im Norden der Stadt wieder ins Stocken geraten.

Es war der entscheidende Augenblick. Die leeren Käfige boten nur dürftigen Schutz vor prüfenden Blicken. Deshalb hatten ihre Helfer sie mit einer Plane zugedeckt. Es hatte sich verboten, mit Federvieh angefüllte Käfige zur Tarnung zu verwenden, denn ein Wagen, der die Hauptstadt voller Güter verließ, wäre den Torwachen sofort als verdächtig aufgefallen. Die Kalifenstadt war dem höfischen Zeremoniell und der Regierung vorbehalten; Güter wurden hier nur angeliefert, aber weder erzeugt noch vertrieben.

Die Prinzessin und ihre Dienerin hielten den Atem an, als könnte sie das vor Entdeckung schützen. Der Wagen rollte wieder an und kam erneut zum Stehen. Der Vorgang wiederholte sich mehrere Male.

Schließlich hörten sie eine rauhe, befehlsgewohnte Stimme: »He, ihr da! Was habt ihr unter der Plane!«

»Leere Hühnerkäfige!«, antwortete der Anführer.

»Lasst sehen!«

»Bitte, überzeuge dich!«

Bei den jungen Frauen setzte der Herzschlag aus. Wenn der Soldat genau hinsah, würde er durch die Käfige die Wände ihres Verschlags erkennen. Takarrub griff nach Sitts Hand. Wie erstarrt kauerten sie in dem winzigen Raum und warteten, dass ihr Versteck von hart zupackenden Händen aufgerissen würde. Doch es war noch immer Nacht, und das flackernde Licht der riesigen Fackeln im Bereich der Tore war auf ihrer Seite.

»In Ordnung! Los! Fahrt weiter!«

In unsagbarer Erleichterung fielen die Prinzessin und ihre Vertraute einander in die Arme, und die Anspannung der beiden löste sich in unhörbarem Schluchzen.

*

Als der Karren nach einer Zeit ungestörten Rollens wieder anhielt, rührte sich bei den Frauen fast schon aus Gewohnheit der Schreck. Doch dann hörten sie eine vertraute Stimme Anweisungen geben. Im nächsten Augenblick war die Öffnung ihres Verlieses frei geräumt, und ein Ausschnitt des Himmels wurde sichtbar. Er war nicht mehr nachtschwarz, sondern leuchtete in dunklem Blau und kündete vom nahenden Morgen. Nur noch wenige Sterne sandten rötlich glitzernd ihr Licht aus. Aus einer Gruppe schattenhafter Gestalten streckten sich Sitt Al Mulk viele Arme entgegen, um ihr von dem Wagen herunterzuhelfen. An ihrer Seite erkannte sie den großen, weichen Umriss der Gestalt ihres Hofmeisters, des Eunuchen Midad, der sie um die Taille fasste und von der Plattform hob.

Sie ließ ihn gerne gewähren, denn die Glieder waren ihr in dem engen Verschlag eingeschlafen, und sie wusste nicht, ob sie sich auf den Beinen halten konnte. Mit wenigen Schritten trug Midad sie zu der Sänfte, die er aus den Beständen des Kalifenpalastes entwendet hatte.

»Gebt acht, ya Amira, drinnen wartet Euer Kätzchen auf Euch!«

»Ist es dir gelungen?«, rief Sitt freudig. Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass Midad versprochen hatte, das Kätzchen Sitta mit Baldrianöl zu betäuben und es mitzubringen.

Durch den offenen Schlag der Hofsänfte sah sie zu ihrer Rechten die Felsklippen des Mukattam-Gebirges schwarz und steil in den Himmel ragen. Sie tastete auf den Bänken nach dem Kätzchen, fand es in einem Winkel und nahm es mit liebkosenden Worten auf. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ sie sich in die weichen Kissen fallen und stellte zu ihrer Überraschung fest, wie angenehm sich die sonst so gewohnte Bequemlichkeit nach der Fahrt in dem engen, stinkenden Verschlag auf dem Hühnerkarren plötzlich anfühlte.

Sitt schätzte sich in diesem Augenblick glücklich, dass sie sich auf die Treue ihrer Dienerschaft verlassen konnte. Ohne die Hilfe ihrer Leute wäre es ihnen nie möglich gewesen, an all den Wachen vorbei aus dem Palast und der Kalifenstadt zu fliehen. Aber sie wusste, ihre Leute liebten und verehrten sie und hätten für sie sogar das Leben aufs Spiel gesetzt.

Aber noch waren sie nicht an ihrem Ziel angelangt. Vor ihnen lag ein schmaler, beschwerlicher Saumpfad zu jenem Felsplateau, auf dem, gleich dem Nest eines Steinadlers, das Kloster des Zwergen in den Lüften zu hängen schien. In der uralten Mönchsfestung hoffte sie nicht nur zusammen mit ihren beiden Getreuen, der Dienerin Takarrub und ihrem Hofmeister Midad, Zuflucht zu finden, sondern auch die politische Unterstützung ihres Onkels Arsenios zu gewinnen, des Bischofs der melkitischen Christengemeinde, der der Bruder ihrer griechischen Mutter war.

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