Schattenkalifin Safia
Leseprobe
Hintergrundtext
Rezensionen
Amazon

Safia. Eine Scheichtochter kämpft für ihr Land

Rezensionen - Kurier

Kurier vom 16. Juni 2008 Seite: 7

Ressort: Außenpolitik
Ingrid Steiner-Gashi
Wi, Abend, Wi, Morgen
Irak

"Die dunkelste Phase haben wir hinter uns"

Im KURIER-Gespräch beschreibt die 42-jährige irakische Abgeordnete Safia Taleb al-Souhail die ersten echten Anzeichen einer Stabilisierung in ihrer leidgeprüften Heimat.

Freiheit? Safia Taleb al-Souhail lächelt freundlich. "Freiheit bedeutet, dass ich jetzt wieder im ganzen Land dorthin fahren kann, wohin ich will." Dass die irakische Parlamentsabgeordnete dafür in ein gepanzertes Auto steigen muss und immer mindestens drei Leibwächter mit von der Partie sind, stört sie wenig. Bewaffnete Beschützer an der Seite ihrer im Irak prominenten Familie gehörten für die Tochter eines schiitischen Stammesführers seit jeher zu ihrem Leben.

Einmal ohne Bodyguards durch die Straßen von Bagdad gehen? Safia hebt abwehrend ihre mit schweren Goldreifen geschmückten Hände. "So weit sind wir noch nicht, jeder im Irak kennt mein Gesicht." Was heißt: Die 42-jährige Politikerin bleibt ebenso sehr Zielscheibe von Terroristen und Fanatikern wie alle anderen Mitglieder der irakischen Führung.

Erster militärischer Erfolg

Doch die selbstbewusste Abgeordnete, deren Vater im jordanischen Exil von den Schergen des irakischen Diktators Saddam Hussein ermordet worden war, glaubt fest daran, dass der Irak seine dunkelste Phase hinter sich hat: Vor rund zwei Monaten begannen Arme und Polizei mit großen Sicherheitsoffensiven in Basra, Bagdad und Mossul.

"Es war das erste Mal, dass unsere eigenen Leute, ohne die Hilfe der Amerikaner und auf den Beschluss unserer eigenen Regierung hin, so große Operationen selbst in die Hand genommen haben", schildert Safia Taleb al-Souhail dem KURIER. "Das war unser erster militärischer Erfolg."

Den Durchbruch aber dürfte der Entschluss großer Teile der Bevölkerung gebracht haben, für den Aufbau des Landes endlich mit der Regierung an einem Strang zu ziehen: Die schiitischen Stämme im Süden des Landes haben eingewilligt, gegen die bewaffneten schiitischen Milizen vorzugehen, sunnitische Stämme wiederum stellen sich offensiv gegen die Terrorzellen der El Kaida im Land. Das Ergebnis: Vor einem Jahr führte die El Kaida pro Monat im Schnitt 200 Attentate aus. Im Mai waren es nur noch 16.

Weniger Übergriffe

Aber auch die Übergriffe auf Frauen, die es wagen, unverschleiert einkaufen zu gehen, sind gesunken. "Vom vergangenen September bis zu Beginn der Sicherheitsoffensive wurden in Basra mehr als hundert Frauen auf offener Straße ermordet. "Seither", erzählt Saifa geradezu stolz, "gab es nicht einen einzigen Mordversuch."

Das habe für die Gesellschaft überragende Bedeutung, holt die Scheich-Tochter, nunmehr selber eine "Scheicha", zu einer Erklärung aus. "In unserem Land bedeutete eine Frau zu töten: Die Frau hat den Tod wegen ihres angeblich schlechten Lebenswandels verdient. Aber mit ihr ,tötet man auch den Bruder, den Vater, die Söhne, sie leben jahrelang geächtet und in Schande. Erst jetzt und ganz, ganz langsam dringt es auch hier durch, dass nicht die Frau die Schuldige ist, sondern ihr Mörder." Todesdrohungen erhält Safia nahezu täglich, mehrere Anschläge hat sie unverletzt überlebt. Sie würde niemals den Schleier anlegen, sagt sie, "aber in Shorts würde ich natürlich auch nicht herumspazieren".

Danke und auf Wiedersehen!

Im schwarzen Hosenanzug, geschminkt und kerzengerade sitzt die Mutter eines sechsjährigen Sohnes im Fauteuil und erzählt, was sie stark machte. Als sechste von sieben Töchtern einer reichen Familie wurde ihr beste Bildung, aber auch das Bewusstsein mitgegeben, dass Saddam Husseins Diktatur einst stürzen würde. Den Krieg der USA im Irak sieht sie dementsprechend als einen "Krieg, der den anderen Krieg, den Saddam Hussein gegen unser Volk geführt hat, abgelöst hat."

Einen sofortigen Truppenabzug der rund 140.000 US-Soldaten aus dem Irak wünscht sich die Abgeordnete nicht. "Wir sind noch nicht so weit. Unser Truppen brauchen noch mehr Training, Unterstützung und Ausrüstung aus den USA. Aber der Tag wird kommen, und wir werden Washington sagen: Danke und auf Wiedersehen!"

logo


© 2017 Johanna Awad-Geissler I Impressum I design by flussobjekte.net