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Safia. Eine Scheichtochter kämpft für ihr Land

Rezensionen - Frankfurter Allgemeine Zeitung

Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 25. Oktober 2004

Die Scheicha
Safia Taleb Al Souhail führt den irakischen Stamm der Beni Tamim

Johanna Awad-Geissler: Safia. Eine Scheichtochter kämpft für ihr Land. Droemer Verlag, München 2003. 396 Seiten, 19,90 [Euro].

Schon zu Zeiten Saddam Husseins war über die Iraker - auf Schritt und Tritt von den Geheimdiensten überwacht - wenig zu erfahren. Doch auch nach dem Sturz des Diktators dringen Informationen über die Menschen am Ort nur spärlich nach außen. Kampfhandlungen und Terroranschläge überlagern den Blick auf eine Gesellschaft, die zu befreien die Vereinigten Staaten vor mehr als einem Jahr angetreten waren. Da von Befreiung oder gar Demokratisierung bislang keine Rede sein kann, ist auch die Situation der irakischen Frauen kein öffentliches Thema, obwohl 65 Prozent der Iraker weiblich sind.

In diesem Lichte betrachtet, verdient das Buch von Johanna Awad-Geissler Aufmerksamkeit. Erst nach langer Suche war es der österreichischen Journalistin gelungen, eine Irakerin zu finden, die bereit war, ihre Geschichte zu erzählen. Freilich handelt es sich nicht um irgendeine Irakerin, sondern um die Tochter eines mächtigen Scheichs, des Oberhaupts des schiitischen Stammes der Beni Tamim, der mit einer Million Zugehörigen einen der größten der rund 10000 irakischen Stämme bildet. Safia Taleb Al Souhail, 1965 geboren, wuchs als zweitälteste von sieben Töchtern im Luxus auf. Der Palast ihrer Eltern in Bagdad war ein gesellschaftlicher Treffpunkt für die Herrscherelite und ein Ort, an dem Staatspolitik gemacht wurde. Nachdem Saddam Hussein 1968 die Macht ergriffen hatte, ging die Familie ins Exil - der bekennende Monarchist Al Souhail hatte die korrupten und skrupellosen Baathisten von Anfang an bekämpft. Libanon, Jordanien, Saudi-Arabien, das waren die stets wechselnden Stationen der Familie. Al Souhails hartnäckiger Widerstand und ein mißlungener Putschversuch kosteten ihn 1994 das Leben: Saddam ließ ihn während eines Libanon-Aufenthaltes ermorden.

Safia, schon als Elfjährige und als einzige der Töchter in die geheimen Geschäfte ihres Vaters eingeweiht - in dieser patriarchalisch geprägten Region keine Selbstverständlichkeit -, übernahm fortan die Führung des Stammes. Ab 1998 gab sie eine Untergrundzeitung heraus. Die Oppositionelle stand auf des Tyrannen schwarzer Liste und war somit in ständiger Lebensgefahr; in Amman war sie einem als Autounfall getarnten Anschlag nur knapp entkommen. Immer öfter trat sie auf oppositionellen Konferenzen auf und forderte Rechte für die irakischen Frauen - als einzige weibliche Sprecherin unter meist Hunderten von Männern ebenso bewundert wie belächelt.

Im New Yorker UN-Hauptquartier, wo sie als Opfer des irakischen Diktators aussagte, lernte sie im September 2000 ihren Ehemann, den Menschenrechtler Bakhtiar Amin, kennen. Der kurdisch-sunnitische Wahl-Washingtoner, Wahl-Pariser und schwedische Staatsbürger und Safia, die schiitische Irakerin mit jordanischem Reisepaß und libanesischem Dialekt sind mit ihren multiplen Identitäten kein gewöhnliches Paar und doch stellvertretend für das Schicksal vieler Exilanten. Johanna Awad-Geissler läßt die 38jährige in der Ichform über sich erzählen. Dadurch ist der Text sehr persönlich geworden, manchmal wandelt er auch am Rande des Kitsches. Einschübe bieten eine kleine Einführung in die Geschichte des Irak und seine Gesellschaft. Es ist ein Reiz und zugleich ein Manko des Buches, daß Safia eine Privilegierte ist. Mit gewöhnlichen Irakerinnen hat sie nichts gemein. Als Vertreterin der arabischen Elite mit westlicher Prägung hat die "Scheicha" den Kontakt zur ursprünglichen Heimat indes nie verloren - ideal, um zwischen den Welten zu vermitteln. Der britische "Guardian" nannte sie ein "Symbol für einen zukünftigen Irak". Dorthin kehrte sie nach dem Sturz Saddams zurück. Ihr größtes Anliegen ist, daß Frauen bei der Neugestaltung des Irak mitwirken können. Anders als viele andere Exilpolitiker hat sie durch die Loyalität ihres Stammes eine politische Basis im Land und gute Aussichten, einmal Parlamentarierin zu werden.

Tiefschürfende politische Analysen oder Botschaften sind in dieser Biographie nicht zu finden. Die Scheichtochter bleibt meist diplomatisch. Daß ihr allerdings Ahmad Chalabi, der früher ebenfalls im Hause ihres Vaters ein und aus ging, äußerst mißfällt, verbirgt sie nicht: Schon lange hatte sie geahnt, daß der in Jordanien wegen Betruges verurteilte Banker, der - von den Vereinigten Staaten gefördert und vom CIA bezahlt - als Exilpolitiker Karriere machen konnte, alles andere als geeignet ist, im Nachkriegsirak Ruhe einkehren zu lassen - eine Erkenntnis, die den Amerikanern leider erst kam, als das Land schon mitten im Chaos steckte.

Safia, Leiterin einer Pariser Organisation zur Aufklärung der Verbrechen des Baath-Regimes, macht keinen Hehl daraus, daß sie den Westen für den Aufstieg Saddams und für seine Verbrechen mitverantwortlich hält. Die Rolle der Vereinigten Staaten im Irak vor und nach dem Krieg beurteilt sie vorsichtig kritisch. Es ärgert sie, daß der Krieg mit den vermeintlichen Massenvernichtungswaffen begründet wurde: "Braucht es denn unbedingt einen "Krieg gegen den Terror", um mit einem Regime wie jenem Saddams aufzuräumen? Warum kann es denn nicht im Namen der Menschlichkeit geschehen?" Die größte Massenvernichtungswaffe sei doch immer der Diktator selbst gewesen. Sie lenkt aber ein, man müsse realistisch bleiben: "Auch wenn die Vereinigten Staaten im Irak ihre eigenen Ziele verfolgten, so führte kein Weg um sie herum." Schließlich seien sie die einzigen gewesen, die das Verschwinden von Saddam in Aussicht gestellt hätten. Die Behutsamkeit ihrer Kritik an den Alliierten läßt vermuten, daß die entschlossene Menschenrechtlerin sich politisch alle Türen offenhalten will: Immerhin wirbt das Washingtoner Außenministerium mit ihr als einer der "irakischen Stimmen der Freiheit".

ALEXANDRA SENFFT

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